Samstag, 20. Mai 2017

Imaginäre Autoritäten

Ich bin schon wieder beim Pen & Podcast und wieder bin ich aufgewühlt. Wenn Ihr das hier lest, habe ich mich schon vielfach in und aus der Rage geschrieben und präsentiere Euch nun die gemäßigte Version meiner Auseinandersetzung mit meinem Problem mit der Folge 13.

"Wer auch immer Du bist [...], bitte lass Dir nicht dieses tolle Hobby versauen. [...] Sprecht mit Euren Spielern. Klar. Klärt, was Eure Vorstellungen sind, was die Vorstellungen Eurer Spieler sind, aber lasst Euch nicht wegen irgendwelchen dämlichen Diskussionen, weil irgendjemand meint, von der Rollenspielkanzel von oben Euch prädigen zu müssen, wie Rollenspiel funktioniert, Eurer Hobby versauen. Es geht darum, dass Ihr Euern Spaß habt, egal welches Setting Ihr spielt. Egal, welche Art von Spiel Ihr als Spieler oder Spielleiter betreibt. Es geht darum, dass Ihr Spaß habt und dass Ihr Eure Abende schön verbringt und nicht, dass Ihr Euch irgendwie einschüchtern lasst oder Euch Riesensorgen macht, dass Ihr vor einer imaginären Autorität irgendwelche Rechtfertigungen abgeben müsst, wie Ihr spielt."
Zitat aus https://penandpodcast.de/episodes/pen-podcast-s01e13-adeliger-daemonen-krieger-meuchel-meister-wenn-scs-keine-schwaechen-haben
Es findet sich etwa in Minute 9 bis 10.

Ich denke mal, dass viele oder die meisten Rollenspieler den obigen Ausspruch komplett oder größtenteils unterschreiben würden. Ich auf jeden Fall, mit der Einschränkung, dass Rollenspiel eine Art Mannschaftssport ist und es nicht hilft, wenn man seinen Spaß wider anstatt mit den anderen sucht.

Der Titel der Episode, aus der der Ausspruch stammt lautet:
PEN & PODCAST S01E13 – ADELIGER-DÄMONEN-KRIEGER-MEUCHEL-MEISTER. WENN SCS KEINE SCHWÄCHEN HABEN.

Wenn die Geisteshaltung dahinter authentisch war, dann allerdings nicht anhaltend. Sie verpufft fast unmittelbar nach dem Ausspruch und vor dem Zuwenden zum Titelthema der Episode. Denn mit dem Titelthema hat sie nichts zu tun. Leider.

Da ich gestern zeitweilig etwas Leerlauf hatte, hatte ich die Zeit mich schon vor dem Hören der Episode über den Titel zu empören. Gemessen am tatsächlichen Inhalt war das eine Vergeudung von Energien, auch wenn ich so vielleicht etwas anderweitig angefressenen Frust loswerden konnte. Aber wie das mit der Empörung nun mal so ist - sie trifft viel zu oft nicht die eigentliche Quelle.


Ein diffuses Problem

Inhalt der Episode ist ein Problem, über das bei den Sprechern wie auch jenem Schreiber, der den Anlass bereit stellte, offenkundig eine gewisse Einigkeit besteht. Nur wird es in insgesamt 91 Minuten nicht ein einziges Mal klar benannt.

Es geht darum, dass ein Spieler seiner Spielleitung einen Charakterhintergrund für eine neu entworfene Figur präsentierte, die der Spielleitung nicht passte. Als die SL dies dem betroffenen Spieler erklärte, reagierte dieser eingeschnappt. Aus dieser mit meinen eigenen Worten zusammengefassten Problemstellung lassen sich sicherlich einige Probleme heraus lesen. Der Titel des Podcasts sowie die nun folgende Auseinandersetzung lässt aber vermuten, dass das Problem darin bestehe, dass die Spielerfigur keine Schwächen habe. Die Figur werde damit zum Alleskönner, zum Hans-Dampf-in-allen-Gassen, zur "Mary Sue".

Es ist ja nicht so, dass ich nicht auch das Gefühl hätte, dass der beschriebene Hintergrund problembehaftet sein könne. Aber da stecken meiner Sicht nach eine ganze Reihe von Problemen drin, die nicht klar herausgestellt werden, weswegen sich die Sprecher im Verlauf der Auseinandersetzung in der Podcast-Episode auch nicht für einen Augenblick die Mühe machen, potentielle Probleme zu analysieren oder nach möglichen Lösungsansätzen zu suchen. Ging es dem ursprünglich Fragenden denn nicht um eine Art von allgemeiner Hilfestellung?

Stattdessen geht es den Sprechern vielfach um Spekulationen über die Motive des Spielers in Bezug auf den Hintergrund seiner Figur, bei der auch vor deutlichen Herabwürdigungen nicht zurück geschreckt oder über Ansätze sinnierte wird, den Spieler zu bestrafen, indem man ihm mit Logik und Konsequenz im Spiel irgendwie den Spielspaß versagen würde - er störe schließlich den Frieden in der Spielrunde. Wie genau wird offen gelassen. Wahlweise läge das Problem darin, dass die Figur zu viel könne, zu stark, zu ausbalanciert oder eben überhaupt nicht ausbalanciert und zu spezialisiert sei und entweder keine Schwächen habe oder doch, dann aber an den falschen Stellen.


Oberflächlichkeiten

Ab etwa Minute 40 und der Stelle mit der Bestrafung wird dann kurz Partei für den unbekannten Spieler ergriffen, der schließlich auch nur seinen Anteil an Spaß in der Rollenspielrunde haben wollte. Was sich aber als erste Anwandlung hätte entpuppen können, ein wenig Licht in diese diffuse Dunkelheit zu bringen, blieb dann doch genau so vage und oberflächlich wie der bisherige Rest.
Etwa ab Minute 64 geht es um die Schwerpunkte der Charaktererschaffung aus Sicht der Sprecher, was für mich nach erstem Frohlocken auch keine Erlösung brachte.

Hier noch ein paar Argumente innerhalb der Episode, die ich gleichfalls bemerkenswert und bezeichnend finde:
  • Die Spielwelt sei nicht der Spielplatz des Spielers.
  • Der eine Spieler könnte die ganze Gruppe mobben, wenn er wollte.
  • Learning by burning! (was vermutlich in etwa "Lernen durch Schmerz" bedeutet)

Problembewusstsein

So sehr ich den Podcast mag (auch wenn ich noch lange nicht alle Episoden gehört habe), so schwer fällt es mir mitunter das Menschenbild oder das allgemeine soziale Verständnis zu ertragen, das im Verlauf einer Episode punktuell zu Tage gefördert wird. Es ist aber gewissermaßen auch etwas, was den Podcast für mich mitreissend macht. Hier habe ich aber das Gefühl, einen mit einer reißerischen Überschrift versehen oberflächlichen Boulevardbeitrag zu lesen, der viel zu viele negative Elemente vereint, die man - durch die Presse kolportiert - mit dem Phänomen der "Sozialen Medien" verbindet. Reisserisch, effekthaschend, oberflächlich, ohne Maß und bar jeden Gefühls für Verhältnismäßigkeiten. Wäre es meine Rollenspielfigur und mein Hintergrund gewesen, der hier im Mittelpunkt stand und würde ich diese Episode gehört haben, ich wäre irgendwo zwischen niedergeschmettert und fuchsteufelswild.

Was genau ist denn jetzt eigentlich das Problem des ursprünglich Fragenden in der Episode? Das weiß ich nicht. Ich hätte vor Aufzeichnung der Folge sicherlich noch ein paar Fragen an diesen gerichtet und mit den Antworten wäre vielleicht einer der folgenden Episodentitel dabei rausgekommen:

  • Hilfe, ein Spieler reißt alles "Spotlight" an sich. Was kann ich tun?
  • Der gemeinsame Vorstellungsraum und wie ich mit Brüchen umgehe.
  • Spielleitung für Fortgeschrittene: Was das Charakterblatt meiner Mitspieler über deren Wünsche aussagt.
  • Die Bedürfnisse meiner Mitspieler und wie ich sie kennen und achten lerne.
  • Harmonie in der Runde. Unvereinbarkeiten erkennen und Konflikte vermeiden.


Und weil es einfach so gut dazu passt, noch folgender Link:
Der Postillon: Neun von zehn Büroangestellten finden Mobbing völlig in Ordnung
Das Wort "Büroangestellten" kann man gut durch "Rollenspieler" ersetzen.





Kommentare:

  1. Es ehrt dich, dass du noch ein kollegiales Lob unterbringst. Hätte ich nicht gemacht, ansonsten sehe ich das genauso wie du.
    Ich bin vor Kurzem auf den PodCast gestoßen und zwar wegen der Folge Spielerfähigkeit vs. Charakterfähigkeit o.Ä.
    Ein wichtiges Thema insbesondere für Leute, die oldschoolig ausgelegt sind.

    Aber was von einzelnen Teilnehmern dann an Niveaulosigkeit, falschen Annahmen, Intoleranz und Unreflektiertheit abgefeuert wurde, hat mich total aufgeregt - weil ich ja nicht eingreifen konnte.

    Das EIGENTLICH Problem, nämlich die soziale Ebene, wurde auch in dieser Folge komplett ausgeblendet. Ich glaube nicht, dass hier gezielt mit Provokation wegen der Klickzahlen umgegangen wird, sondern dass die Leute das einfach nicht besser wissen. Das merkt man auch, wie eindringlich sie argumentieren. Ansonsten müsste man Ihnen ja Täuschung vorwerfen.

    Ich emofehle dir daher, dir mal diese Fähigkeitsfolge anzuhören und zu entscheiden, ob in der Folge 13 wirklich nur ein Aureißer war.

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    1. Das klingt tatsächlich ziemlich... schwierig.
      Danke für den Hinweis, die Folge kenne ich noch nicht. Mal sehen, ob ich dazu komme sie mir anzuhören.

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    2. Ich kenne diese Folge hier zwar noch nicht, aber ich meine letzte Erfahrung mit dem Cast war mir zu stressig, um das sobald zu wiederholen.

      Die genannte Folge finde ich auch deswegen interessant, weil sich die Teilnehmer dort gegenseitig emotional hochschaukeln, was im späteren Verlauf dann richtig anstrengend wird zuzuhören, weil es dann passiv-aggressiv wird.
      Sie stellen es aber auch selbst und merken dann etwas selbstironisch an.

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  2. Ich hab bisher erst eine Folge gehört, dabei vor Wut/Frust/OMG-Momenten so oft in mein Lenkrad gebissen, dass ich ein neues Auto brauche. Das war wie Eskapodcast aus Speed.

    Trotzdem bin ich gar nicht unfroh, dass es auch diese Podcast gibt, vermute ein so eingestellter RPGler kriegt beim GKpod auch die Krise. ;)

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    1. Hihihi!
      Ich finde es ja nicht prinzipiell schlecht, wenn es Podcasts für jeden Geschmack gibt. Aber völlig ignorant sollten sie dann auch nicht sein. Schade, dass es überhaupt nur wenig Rückmeldung zu dem Podcast gibt. Selbst in den Kommentaren lässt sich nur wenig in Bezug auf eine differenzierte Auseinandersetzung finde.

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    2. Der GKpodcast ist da gar kein Vergleich, imho. Da herrscht doch die pure Gelassenheit ;)

      Ich habe ja keinen Kontakt in die Facebook-Dimension, aber ein Mitspieler von mir. Er sagte, es gäbe da sehr aktive Communities, zu denen auch der Nerdpol zu zählen ist, die aber ein Spiel spielen, wie wir das aus den 90igern zu den dunkelsten DSA- und WoD-Zeiten kannten.

      Der Stand, den die alteingesessene Community (Foren, Blogs, G+..) hat, sei so weit weg und so dermaßen in der Unterzahl und isoliert (was ich in RL Diskussionen durchaus bestätigen kann), dass man da schon von Parallelwelten reden kann.

      In Richtung dieser Welt orientiert sich wohl auch der Pen&Paper Podcast. vrmtl. wird es auch dort mehr Kommentare geben?

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    3. Jede Spielrunde ist eine eigene Welt für sich. Erst in der Wahrnehmung oder im Dialog mit anderen Spielrunden - z.B. über das Internet - werden die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede sichtbar Parallelwelten geboren. Interessant (im Sinne von Erleuchtend oder auch Schwierig) wird es immer dann, wenn jemand aus so einer Position heraus allgemeingültige Aussagen treffen will...

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  3. @Falk: Du bist ja auch Forengestählt ... Bei PnP hab ich das Gefühl - ich mag mich irren - einige "Besserspieler" vor mir zu haben, die befreit von den RPG-Erkenntnissen der letzten zehn Jahre munter losplaudern und genau das abbilden, weswegen ARS ein Segen war ...

    Ich erinnere mich auch wieder an die konkrete Folge, da schafften sie es nicht Descent von RPGs abzugrenzen, was schon eine Leistung an sich ist. Dann äußerte jemand nach einer halben Stunde einen tatsächlich interessanten Gedanken und ich dachte, jetzt wird es interessant, dann grätscht ihn jemand seitlich ab und stößt ihn wieder in den Sud ... Naja, muss nochmal ne Folge hören.

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  4. @Ino Den Eindruck habe ich auch. Aber man muss wohl berücksichtigen, dass idexletzten 15 Jahre Netzcommunity in RL (wozu ich auch YT und FB Neuland-User zähle) nur Spurenelemente hinterlassen haben.

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  5. Dieser Eindruck beruhigt mich irgendwie. Ich habe bisher nur eine Folge gehört, aber war davon irgendwie entsetzt. 90 Minuten absolut zielloses Argumentieren ohne Fazit. Begeistert wurde davon gesprochen, dass sie auch gerne PvP Erlebnisse haben. Da war ich dann raus. Eigentlich schade, es gibt nicht so viele deutschsprachige Podcasts in unserer Nische.

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    1. Ich muss gestehen, dass ich auch nicht so viele Rollenspielpodcasts höre und bei denen, die mir gefallen auch nicht jede Folge. Da ließe sich aber auch für Pen&Podcast eine Nische finden. Nur hoffentlich ruhen sie sich nicht darauf aus, Masse statt Klasse zu produzieren.

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