Dienstag, 30. August 2016

Blogger, Rollenspieler, Gehilfe?

Gerade wird eine ganz besondere Sau durch das Dorf getrieben und ich kann nicht anders, als mich anzuschließen. Dabei geht es um den Rollenspielblogger im Allgemeinen und seine Verbundenheit zu Produkten und Verlagen im Speziellen.

Als Rollenspieler, die sich dazu berufen fühlen, nicht nur zu spielen sondern auch abseits des Spiels zu schreiben, nehmen wir eine besondere Position ein: Wir sind Autor und Zielgruppe in einem. Im Grunde kenne ich keine Distanz zu dem Objekt, über das ich schreibe, weil ich ein Fan bin. Das bedeutet nicht, das ich nicht auch kritisch sein kann. Aber vermutlich nicht so kritisch, wie es eine professionelle journalistische Distanz vorschreiben würde - wenn ich mich diesen Maßstäben unterwerfen wollte.

Eine Distanz ist immer dann ratsam, wenn man sich vermeintlich kritisch mit einem Objekt auseinander setzen will. Mehr noch, wenn ich das Produkt nicht selber gekauft habe, sondern es vom Verlag gestellt bekam. Ich bin ein begeisterter Konsument von Dingen wie Übermedien, Bildblog, Zapp und dergleichen und die dort etablierte kritische Betrachtung von Verwicklungen und Zielkonflikten hat ein wenig auf mich abgefärbt. Das führte dazu, dass ich einen potentiellen Patreon-Erlös aus meiner Arbeit bei den Teilzeithelden auch lieber in den Erwerb von zu bewertenden Rollenspielprodukten hätte stecken wollen. Es hätte ein klein wenig Unabhängigkeit geschaffen, die sich das ansonsten auf Unterstützung und fanbasiertes Engagement angewiesene Magazin nicht leisten kann.

Wer in großem Stil Rezension schreibt, muss entweder viel Geld in die Hand nehmen um sich Bücher zu kaufen. Oder man nimmt Kontakt zu Verlagen auf und erhält Rezensionsware. Wer ein Großteil seines schreiberischen Schaffens in Rezensionen steckt, kann sich demnach in eine starke Abhängigkeit zu den Verlagen bewegen. Mehr noch, wenn man sich hauptsächlich einer Produktlinie oder Spielwelt verschrieben hat.

Sind wir mal ehrlich: Wir Blogger sind für den Rollenspielverlag hauptsächlich Erfüllungsgehilfe. Haben wir ein Produkt in der Hand, das uns gefällt, berichten wir begeistert darüber, machen Werbung und schaffen Reichweite. Und da wir Fans der Linie sind, die wir bearbeiten, sind wir häufiger begeistert als enttäuscht. Spannender wird es, wenn ein Nicht-Fan über ein Rollenspiel schreibt. Vielleicht ist das sogar die oben postulierte notwendige Distanz zum Objekt? Dann stellt sich aber die Frage, wer die Zielgruppe sein könnte? Der Fan braucht einen Autoren, der seine Sprache spricht...


Zu diesem Thema gibt es also eine Menge Zwickmühlen und in eine davon hat sich jüngst das Projekt Neue Abenteuer begeben. Man habe regelmäßig Rezensionsware erhalten, aber der Hahn wurde nun abgedreht. "Wir sind unbequem geworden", fassen die Autoren die Ereignisse zusammen. Das stellt das Verhältnis zwischen Blogger und Verlag deutlich klar: Dem Verlag geht es in erster Linie um den wirtschaftlichen Erfolg und wenn dieser durch ein Internetprojekt mir großer Reichweite gefährdet wird, muss man sich dieser Gefahr stellen. Das ist ökonomisch. Vielleicht moralisch verwerflich aber Ökonomie ist amoralisch.

Und für den Blogger ist es ja auch eine Frage der Ökonomie. Das eigene Rollenspielregal (in der Regel inzwischen der entsprechende Speicherplatz auf der Festplatte) füllte sich schließlich nach und nach mit zur Verfügung gestelltem Hobbygut. Wenn man sich die einschlägigen Blogs ansieht, kann man davon ausgehen, dass es den entsprechenden Autoren nicht an kostenfrei gestellten Rollenspielen, aber auch Büchern, Brettspielen oder sogar DVDs und ähnlichem mangelt. Wer fleißig ist, kann sich auf diese Weise sein Hobby finanzieren ohne wirklich Geld in die Hand nehmen zu müssen. Neudeutsch nennt man soetwas Win-Win.

Wenn Apple die Blöd ComputerBlöd-Redaktion von seinen Events auslädt und ihnen keine freien Smartphones mehr zur Verfügung stellt, hat es natürlich eine etwas andere Dimension. Das gleiche Blatt übrigens, das immer wieder dadurch auffällt, dass sie Werbung als redaktionellen Inhalt tarnt - wie es viele Zeitungen, Illustrierte und Magazine dieser Tage machen. Und - ob sie es wollen oder nicht - auch Blogs.

Die Verlage müssen verkaufen und brauchen Werbung und wer sich auf das Geschäft einlässt, hat sie gefälligst zu produzieren. Wer gegen dieses unausgesprochene Gesetz verstößt, wird ausgeladen. Wenn man Neue Abenteuer glauben darf, wird da auch nicht drüber gesprochen oder verhandelt. Es wird klargestellt, dass dies zwar eine Zweckbindung ist, aber keine auf Augenhöhe. Vom Erfüllungsgehilfen zur Gefahr. Aus die Maus.

Nachtrag

Das sagt Michael Mingers zu dem Thema:

Ein Bildschirmfoto, da ich kein Benutzerkonto bei Facebook habe.
Quelle ist das Benutzerkonto von Arkanil auf Twitter, auf das ich mangels eigener Twitter-Verwendung von einer anonymen Quelle aufmerksam gemacht wurde.




Ich kann die Zusammenhänge verstehen, wie sie Herr Mingers darstellt. Aber klar ist auch, dass dies eine eindeutige Einflussnahme auf die Berichterstattung ist. Und das es dazu - soweit mir bekannt - keine Gespräche zwischen den Protagonisten gegeben hat sondern einseitig Fakten geschaffen wurden, stellt klar, dass es keine Beziehung auf Augenhöhe ist oder war.

Noch ein Nachtrag

Über das Tanelorn-Forum bin ich auf ein Video von Orkenspalter TV aufmerksam gemacht worden, in dem Markus Plötz auf der RatCon 2016 (die fand am vergangenen Wochenende statt) ein neues Projekt von Ulisses zu DSA ankündigt (das übrigens ziemlich schick wirkt) und dabei den sachlichen Inhalt des beanstandeten Blogartikels von Neue Abenteuer quasi bestätigt (ab 8:35).



Weitere Beiträge zu dem Thema auf anderen Blogs (wird bei neuen Sichtungen aktualisiert)

Neue Abenteuer - Wir sind unbequem geworden
Arkanil - Rezensionsexemplare und Gefälligkeitskritiker
* Der Riesländer - Ulisses: Gefälligkeitsrezensionen oder Liebesentzug?
universaldilettant im Tanelorn-Forum - Das Verhältnis von Ulisses zu Rezensionen/Bloggern
* Diskussion zu diesem Beitrag auf Google Plus
Nick-Nack@Youtube - Thomas Echelmeyer - Nick-Nack will's wissen
Late Nerd Show 139@Youtube: Ratcon 2016 - DSA-Regel-Wiki, Neuheiten, Numenera, Thorsten Low
Arkanil - Warum Neue Abenteuer keine Rezi-Exemplare mehr erhält
Der Rieslänger - Ulisses: Gefälligkeiten im Liebesrausch!
Seanchui Goes Rlyeh - Hallo. Ich bin Seanchui und ich bin Rezensent. – Hallo, Seanchui!
Orkenspalter TV feiert 7. (oder 10.?) Geburtstag! Kommentar zum Thema ab Zeitpunkt 22:10.
Tales of Terror: Ein Lied über Zensur – Halt den RANT


Offenlegung: Ich habe in der Vergangenheit für die Teilzeithelden auch verschiedene Rezensionen verfasst und dafür kostenloses Material zur Verfügung gestellt bekommen.

Nachtrag: Es war natürlich die ComputerBlöd, die keine iPhones mehr bekommt. Ich habe es an der entsprechenden Stelle korrigiert und einen Link zu einem Hintergrundartikel eingefügt. Natürlich zu einem Blog Internetmagazin, das ebenfalls fleißig Rezensionsware erhält. #Kindergarten


Nachtrag: Ich habe sicherheitshalber in dem Facebook-Bildschirmfoto mal den einen oder anderen Namen geschwärzt.

Kommentare:

  1. Danke erstmal für den Beitrag. M.M.n der bisher ausgeglichendste in der Diskussion.
    Tatsächlich hat mich Herrn Mingers aussagen stutzig gemacht. Ich habe nachschaut und tatsächlich ist der Ausstoß an Pathfinder-Produkten ungefähr gleichauf mit dem von DSA (im August bspw. kamen 6 Pathfinder-Publikationen heraus, 5 für DSA, davon eins der Bote und eins Heldenwerk). Genau nachgezählt habe ich nicht, aber insgesamt geben sich beide Reihen nicht viel.
    Unter diesen Umstände kann ich auch besser verstehen, warum sich Ulisses zu unfair behandelt fühlt. Ob die Konsequenzen daraus vernüftig waren, vor allem die mangelnde Kommunikation mit NA, steht auf einem anderen Blatt.

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    1. Soweit ich das verstehe, gibt es bei Neue Abenteuer mindestens zwei Autoren für Beträge. Einer mag DSA und rezensiert das Material, der andere mag DSA nicht. Von letzterem stammt der Artikel, der im nachhinein von Michael Mingers als ausschlaggebend für die Entscheidung angeführt wird, Neue Abenteuer nicht mehr mit Rezensionsware zu versehen.

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  2. Ist doch auch vollkommen Egal. Infernal Teddy macht keine DSA Reviews weil er DSA Hasser ist, sondern seine Frau so wie ich das verstehe. Und die hat sich ja nicht über die "Flut" beschwert. Also was soll das, unterschiedliche Meinungen verschiedener Autoren auf einem Blog werden nicht mehr geduldet?

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    1. Das gefällt mir genau so wenig und da kann man allerlei Folgefragen stellen. Z.B. wie sehr sich die zuständigen Menschen bei Ulisses (Michael Mingers?) mit den Blogs beschäftigen, die sie beliefern? Oder warum Unmut und Maßnahmen nicht vorher oder anderweitig zeitnah mit den Betroffenen besprochen wird?

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  3. Wie ich geschrieben habe, die Reaktion von Ulisses hätte anders ausfallen können und auch sollen, wollten sie nicht in teilweise schlechtem Licht darstehen wie jetzt.
    Ich persönlich bin mir aber unsicher, ob bei einen Blog von drei Leuten, die Trennung wirklich so sauber wahrgenommen wird. Sollte sie, aber ich denke nicht, dass das vielfach passiert.
    Wenn jetzt einer der aktivsten Blogger wegen vieler Publikationen gegen den Verlag rantet, über ein Spiel, welches er eigentlich sowieso nicht, gleichzeitig aber nicht gegen ein anderes, welches ihm zusagt, aber ähnlichen Produktausstoss hat, dann kann ich verstehen, warum Ulisses angepisst ist.
    Wie gesagt das ist ein Verständnis für das Warum, nicht für das Was (Streichung aller Rezensionsexemplare) und das Wie (Ohne Kommunikationsangebote).
    Ein Rant ist immer eine Provokation und führt nunmal nicht zu produktiven Ergebnissen für die Beteiligten.

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    1. Ich muss gestehen, dass ich den vermeintlich ursächlichen Artikel gesehen, aber nicht gelesen habe. Für das Verständnis des Verhältnisses Blogger/Verlag sowie für die Art und Weise, wie hier vorgegangen wurde ist der meiner Meinung nach auch unerheblich. Ich kann durchaus verstehen, dass einen ein ungerechtfertigter oder all zu einseitiger Artikel verletzten kann. So wirkt das ganze aber auch: Da war jemand verletzt und hat eine Bauchentscheidung gefällt...

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  4. Ich habe mal ein Video eingefügt, in dem Nick-Nack einem Thomas Echelmeyer interviewt und zu dem Vorgang befragt (vielen Dank für den Hinweis an Deep_Impact im Tanelorn-Forum). Leider wird das Thema nur kurz gestreift, kaum berührt. Interessant ist vielleicht, dass Thomas Echelmeyer, als zuständiger verantwortlicher bei Ulisses (oder einer von den zuständigen?) den Vorgang nicht kennt.

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    1. Markus, bitte etwas mehr Recherche mit deinen Aussagen: Thomas ist Leiter des Demoteams und kein Produktmanager.
      Michael ist übrigens genau das, allerdings für Pathfinder und nicht DSA.

      Tim (Deep_Impact)

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    2. Ich habe tatsächlich nicht weiter recherchiert, sondern mir das Video angesehen. Da spricht Nick-Nack (etwa ab Zeitpunkt 17:56) Thomas Echelmeyer darauf an, dass er nicht nur für die Demo-Gruppen verantwortlich, sondern "auch so ein bisschen der Kontaktpunkt für diejenigen, die Rezensionsexemplare brauchen" sei, was Thomas mit einem kurzen "Genau" quittiert. Was nicht bedeutet, dass ich das nicht dennoch missverstanden haben könnte.

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    3. Ist auch nicht so wichtig. Aber man merkt halt schnell, dass da der falsche (zu diesem speziellen Thema) am Mikro ist.

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  5. Es ist ganz üblicher Usus der Branche, sei es Brettspiel, oder Rollenspiel, oder PC Spiel, oder Konsolenspiel, das Produktkritiker kostenlose Exemplare bekommen. Wir von Teilzeithelden sagen jedem Verlag, dass wir sofort die Zusammenarbeit aufkündigen, wenn man von uns eine gute Bewertung verlangt. Und in meinen Augen, so hässlich es auch ist, ist es ein vollständig legitimer Zug von Ulisses, dann die Zusammenarbeit für einen bestimmten Bereich aufzukündigen. Auch wenn es natürlich hässlich ist und die produktive Arbeit des Blogs hinreichend stört. Stören sollte man sich hierbei an keinem der beiden Vorfälle, weder die Beschwerde von Neue Abenteuer über die neue Produktpolitik, noch über die Verlagsentscheidung. Von etwas anderem auszugehen, zeugt von einer gewissen Blindheit für die marktwirtschaftliche Realität. Es sollte im Interesse jedes Verlages sein, eine aufrichtige und neutrale Kritik zu bekommen, jeweils betrachtet im Rahmen dessen, wessen Fan der Redakteur oder Autor ist.

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    1. Das einzige, woran ich mich aktuell noch störe und wo mir die Verbindung zur marktwirtschaftlichen Realität fehlt, ist das Kommunikationsdefizit, das es in dem Vorfall offenbar bei Ulisses gab, die erst auf Nachfrage von NA erklärten, worum nichts mehr kam. Und die Erklärung von Michael Mingers via FB, besonders im Kontext der Ankündigung auf der Ratcon...
      Da passen Dinge nicht zusammen.

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  6. Vielen dank für den Link zu meinem Artikel. Ich sehe es ja etwas anders und mein Artikel war besonders gegen den Vorwurf der Zensur gerichtet, der auf einen anderen Blog erhoben wurde (http://regelfuchs.de/traut-keiner-rezension/), insbesondere hatte mich der darin enthaltene Unterton gestört, alle positiven Rezensionen seien "gekauft". Zum Fall Neue Abenteuer kann ich Ulisses absolut verstehen, es wurde kein einzelnes Produkt besprochen, sondern die Verlagspolitik unsachlich und etwas beleidigend angegangen. Würde ich auch nicht gut finden.

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    1. Keine Frage, der Artikel vom Regelfuchs verkürzt das Thema auf eine überaus unpassende Art. Die Aussage "Blogger, die sich kritisch oder negativ über Produkte von Ulisses Spiele äußern, erhalten keine Rezensionsexemplare." ist wie ein Zitat markiert, allerdings fehlt die Quellenangabe. Es könnte sich also um die Hervorhebung einer eigenen Aussage handeln, deren Wahrheitsgehalt nicht aus diesem einen Vorgang begründet werden kann.
      Ich habe den vermeintlich anstößigen Artikel auf "Neue Abenteuer" damals und heute mehrfach gelesen und erkenne eine deutliche Beschwerde, die allerdings auf die ansonsten übliche Polemik eines "Rants" weitestgehend verzichtet und vor allem keinen Zweifel am sachlichen Kern der Beschwerde lässt (auf die Ulisses dann ja auch später eingeht und entsprechend einlenkt).
      Das mag auch nicht verhindern, dass sich bei Ulisses jemand beleidigt fühlt. Dann allerdings nicht die Kommunikation suchen, sondern einseitig Fakten schaffen... Das sind nicht die Attribute eines Partners, mit dem ich arbeiten wollen würde.

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