Montag, 20. Oktober 2014

Schachmatt bei Shadowrun?

Wer englisch lesen kann, sollte sich den lesenswerten Artikel von John Wick mit dem Titel "Chess is not an RPG: The Illusion of Game Balance" durchlesen. Und sich anschließend fragen, ob das sie oder ihn und den individuellen Anspruch an Rollenspielen entspricht. Ich für meinen Teil komme auf eine ganz klare Antwort dazu: Jein.


John Wick ist ein Rollenspielautor, der unter anderem an einigen ziemlich populären Titeln mitgewirkt hat (7te See und L5R). In seinem Essay kommt er zu dem Schluss, dass jedes Rollenspiel, das man erfolgreich spielen kann, ohne eine Rolle zu verkörpern, kein Rollenspiel ist. Er macht das an vielen Dingen fest, auch an Gunporn, Schadenstabellen, Reichweitenmodifikatoren und so weiter - alles Brettspielelemente.

Ich stimme John Wick in vielen Punken zu. In denen zu D&D auf jeden Fall, da mich eine gewisse Hassliebe mit dem System verbindet (ich mich allerdings nicht durch solche Dinge ablenken lasse, wie qualifizierte Kenntnis über das Spiel selber).

Unter dem Strich macht der gute Mann allerdings ziemlich deutlich, dass er zwar einen anderen andere Anspruch an Rollenspiele hat, als viele andere (z.B. D&D Spieler), er aber einen wesentlichen Aspekt vergisst: Die Spieler. Nicht das System, nicht die Regeln und nicht die Welt machen ein Rollenspiel. Sondern die Spielgruppe.


Ist Shadowrun ein Brettspiel?

Was ich an Rollenspielen und vor allem auch an Shadowrun neben vielem anderen liebe, sind in der Tat Elemente, die von Nicht-Rollenspielen (wie z.B. Brettspielen) übernommen wurden. Kampfregeln, Ausrüstung, Stufen und Steigern. Natürlich freue ich mich über eine fesselnde Spielsitzung, aber eben auch darüber, dass meine Spieler am Ende mehr als das geschenkt bekommen. Nuyen, damit sie sich schönere Hardware leisten können. Ein neues Cyberdeck, endlich das Kleingeld für die Flexpumpe Stufe Zwo und auch endlich das Karma um Charisma von 7 auf 8 zu steigern und so weiter. Wenn es das alles nicht gäbe... das Spiel wäre um spannende Ebenen ärmer, ohne den erzählerischen Teil zu erweitern.

Und jedes dieser kleinen Teile bereichert potentiell die nächste Sitzung. Die Abenteuer können schwerer werden, die Herausforderungen größer...

Und natürlich entscheidet der Spielleiter und/oder die Spielrunde welchen Dingen oder Regeln welcher Wert beigemessen wird. Potentiell haben aber alle diese Dinge ihren Wert für ein Rollenspiel.


Balance ist irrelevant

Das ist auch eine seiner wichtigen Aussagen in seinem Text. Und diesem Stimme ich vollumfänglich zu, wie ich auch schon mal schrieb. John Wick schreibt, dass es nicht auf eine (regeltechnische) Balance ankäme, sondern auf Spotlights, also auf die vom Spielleiter geschickt choreografierten Momente ankäme, in denen der jeweilige Spieler glänzen könne.

Er blickt auf das Thema allerdings wieder von einem sehr eingeschränkten Winkel. Rollenspieler ist eben nicht gleich Rollenspieler. Und so jeder einen anderen Anspruch an Welt und Regeln hat, so hat auch jeder andere Möglichkeiten, mit dem Material zu arbeiten. John Wick schreibt, dass man als Rollenspieler (verdammt noch mal) lernen soll, Rollen zu spielen. Wie sollte ich seiner Meinung nach mit Spielern umgehen, die offenkundig nicht zum Runner taugen? Ich habe noch nie jemanden aus meiner Spielrunde geworfen und für mich ist ein guter Rollenspieler nicht unbedingt derjenige, der gut eine Rolle verkörpern kann. Für mich ist ein guter Rollenspieler auch derjenige, der es anderen nachsieht, die es nicht können und das ggf. durch sein Spielen auszugleichen versucht.

Ich will eigentlich nicht mal sagen, dass ein weniger guter Spielleiter sich lieber an die Regeln klammern sollte und damit an die vermeintlich durch diese etablierte Balance... aber vermutlich läuft es darauf hinaus. Wir sind nunmal nicht alle gleich und es gehört sich einfach nicht, in Bezug auf Spielen eine wie auch immer verordnete Hierarchie aufzustellen (gut oder schlecht oder irgendetwas dazwischen).

Am Ende gibt es beim Spielen von Shadowrun (oder meinetwegen auch anderen Rollenspielen) kein Gut und kein Schlecht. Es gibt das, was gefällt.

Carry on, Chummer!


Bildquelle: MAUXWEBMASTER

Kommentare:

  1. Puh! Du bist spät dran.


    http://obskures.de/2014/john-wick-schach-ist-kein-rollenspiel-die-illusion-der-spielbalance/
    -> im Artikel finden sich noch einige Links zu Blogs etc, die das Thema aufgeriffen haben.

    http://blutschwerter.de/thema/d-d-ist-kein-rollenspiel-wick-versus-pundit.84395/

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Durch den Artikel von Obskures.de bin ich erst darauf aufmerksam geworden. Schade, dass er sich auch so völlig vergallopiert...
      Bei mir dauert es halt immer ein wenig länger vom Gedanken bis zur Tat.

      Löschen